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AUGENZEUGEN

Von Angesicht zu Angesicht

Augenzeugenbericht über Massenvergasungen (aus dem Gerstein Bericht)

.... Am anderen Tag fuhren wir nach Belcec. Ein kleiner Spezialbahnhof war zu diesem Zweck an einem Hügel hart nördlich der Chaussee Lublin-Lemberg im linken Winkel der Demarkationslinie geschaffen worden.. Südlich der Chaussee einige Häuser mit der Inschrift "Sonderkommando Belcec der Waffen-SS". Da der eigentliche Chef der gesamten Tötungsanlagen, der Polizeihauptmann Wirth, noch nicht dar war, stellte Globocnek mich dem SS-Hauptsturmführer Obermeyer (aus Pirmasens) vor. Dieser ließ mich an jenem Nachmittag nur das sehen, was er mir eben zeigen mußte. Ich sah an diesem Tag keine Toten, nur der Geruch, der in der ganzen Gegend im August war pestilenzartig, und Millionen von Fliegen waren überall zugegen. - Dicht bei dem kleinen zweigleisigen Bahnhof war eine große Baracke, die sogenannte Garderobe, mit einem großen Wertsachenschalter. Dann folgte ein Zimmer mit etwa 100 Stühlen, der Friseurraum. Dann eine kleine Allee im Freien unter Birken, rechts und links von doppeltem Stacheldraht umsäumt, mit Inschriften "Zu den Inhalier- und Baderäumen !- Vor uns eine Art Badehaus mit Geranien, dann ein Treppchen, und dann rechts und links je drei Räume 5 mal 5 Meter, 1,90 Meter hoch, mit Holztüren wie Garagen. An der Rückwand, in der Dunkelheit nicht recht sichtbar, große hölzerne Rampentüren. Auf dem dach als "sinniger kleiner Scherz" der Davidstern !!- Vor dem Bauwerk eine Inschrift: - Heckenholt Stiftung - Mehr habe ich an jenem Nachmittag nicht sehen können.
Am anderen Morgen kurz vor sieben Uhr kündigte man mir an: In 10 Minuten kommt der erste Transport !Tatsächlich kam nach einigen Minuten der erste Zug von Lemberg aus an. 45 Waggons mit 6700 Menschen, von denen 1450 schon tot waren bei ihrer Ankunft. hinter den vergitterten Luken schauten entsetzlich bleich und ängstlich Kinder durch, die Augen voll Todesangst, ferner Männer und Frauen. Der Zug fährt ein: 200 Ukrainer reißen die Türen auf und peitschen die Leute mit ihren Lederpeitschen aus den Waggons heraus. Ein großer Lautsprecher gibt die weiteren Anweisungen: Sich ganz auszuziehen, auch Prothesen, Brillen usw. Die Wertsachen am Schalter abgeben, ohne Bons oder Quittung. Die Schuhe sorgfältig zusammenbinden (wegen der Spinnstoffsammlung), denn in dem Haufen von reichlich 25 Meter hätte sonst niemand die zugehörigen Schuhe wieder zusammenfinden können. Dann die Frauen und Mädchen zum Friseur, der mit zwei, drei Schärenschlägen die ganzen Haare abschneidet und sie in Kartoffelsäcken verschwinden läßt."Das ist für irgendwelche Spezialzwecke für die U-Boote bestimmt, für Dichtungen oder dergleichen !" sagt mir der Unterscharführer, der dort Dienst tut.-
Dann setzt sich der zug in Bewegung. Voran ein bildhübsches Mädchen, so gehen sie die Allee entlang, alle nackt, Männer, Frauen, Kinder, ohne Prothesen. Ich selbst stehe mit dem Hauptmann Wirth oben auf der Rampe zwischen den Kammern. Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust, sie kommen herauf, zögern, treten ein in die Todeskammern ! - An der Ecke steht ein starker SS-Mann, der mit pastoraler Stimme zu den Armen sagt: Es passiert Euch nicht das geringste ! Ihr müsst nur in den Kammern tief Luft holen, das weitet die Lungen, diese Inhalation ist notwendig wegen der Krankheiten und Seuchen. Auf die Frage, was mit ihnen geschehen würde, antwortete er: Ja, natürlich, die Männer müssen arbeiten. Nur wenn sie wollen, können sie im Haushalt oder in der Küche mithelfen.-Für einige von diesen Armen ein kleiner Hoffnungsschimmer, der ausreicht, daß sie ohne Widerstand die paar Schritte zu den Kammern gehen - die Mehrzahl weiß Bescheid, der Geruch kündigt ihnen ihr Los ! - So steigen sie die kleine Treppe hinauf, und dann sehen sie alles. Mütter mit Kindern an ihrer Brust, kleine nackte Kinder, Erwachsene, Männer und Frauen, alle nackt - sie zögern, aber sie treten in die Todeskammern, von den anderen hinter ihnen vorangetrieben oder von den Lederpeitschen der SS getrieben. Die Mehrzahl, ohne ein Wort zu sagen. Eine Jüdin von etwa 40 Jahren mit flammenden Augen ruft das Blut, das hier vergossen wird, über die Mörder. Sie erhält fünf oder sechs Schläge mit der Reitpeitsche ins Gesicht, vom Hauptmann Wirth persönlich, dann verschwindet auch sie in der Kammer. - Viele Menschen beten. Ich bete mit ihnen, ich drücke mich in eine Ecke und schreie laut zu meinem und ihrem Gott. Wie wäre ich gern mit ihnen in die Kammern gegangen, wie gerne wäre ich ihren Tod mitgestorben. Sie hätten dann einen uniformierten SS-Offizier in ihren Kammern gefunden - die Sache wäre als Unglücksfall aufgefaßt und behandelt worden und sang- und klanglos verschollen.Noch also darf ich nicht, ich muß noch zuvor künden, was ich hier erlebe ! - Die Kammern füllen sich. gut vollpacken - so hat es der Hauptmann Wirth befohlen. Die Menschen stehen einander auf den Füßen. 700-800 auf 25 Quadratmetern, in 45 Kubikmetern . Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht. - Die Türen schließen sich. Währenddessen warten die anderen draußen im Freien, nackt. Man sagt mir:"Auch im Winter genauso! Ja, aber sie können sich ja den Tod holen ! sage ich - Ja, grad for das sinn se ja doh ! - sagt mir darauf ein SS-Mann in seinem Platt.- Jetzt endlich verstehe ich auch, warum die ganze Einrichtung Heckenholt Stiftung heißt. Heckenholt ist derChauffeur des Dieselmotors, ein kleiner Techniker, gleichzeitig der Erbauer der Anlage. Mit den Dieselauspuffgasen sollen die Menschen zu Tode gebracht werden. Aber der Diesel funktioniert nicht. Der Hauptmann Wirth kommt. Man sieht, es ist ihm peinlich, daß das gerade heute passieren muß, wo ich hier bin. Jawohl ich sehe alles ! Und ich warte. Meine Stoppuhr hat alle brav registriert. 50 Minuten, 70 Minuten - der Diesel springt nicht an ! Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Vergeblich. man hört sie weinen, schluchzen... Der Hauptmann wirth schlägt mit seiner Reitpeitsche den Ukrainer, der dem Unterscharführer bei Diesel helfen soll, zwölf- dreizehnmal in Gesicht. Nach 2 Stunden 49 Minuten - die Stoppuhr hat alles wohl registriert - springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen vier Kammern, viermal 750 Menschen in viermal 75 Kubikmetern ! Von neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht das durch das kleine Fensterchen, indem das elektrische Licht die Kammern einen Augenblick beleuchtet. Endlich, nach 32 Minuten ist alles tot ! - -
Von der anderen Seite öffnen Männer vom Arbeitskommando die Holztüren. Man hatte ihnen - selbst Juden - die Freiheit versprochen und einen gewissen Promillesatz von allen gefundenen Werten für ihren schrecklichen Dienst. Wie Basaltsäulen stehen die Toten aufrecht aneinandergepreßt in den Kammern. Es wäre auch kein Platz, hinzufallen oder auch nur sich vornüber zu neigen. Selbst im Tode noch kennt man die Familien. Sie drücken sich im Tode verkrampft, noch die Hände, so daß man Mühe hat, sie auseinanderzureißen, um die Kammern für die nächste Charge freizumachen. Man wirft die Leichen, - naß von Schweiß und Urin, kotbeschmutzt, Menstruationsblut an den Beinen, heraus. Kinderleichen fliegen durch die Luft. Man hat keine Zeit, die Reitpeitschen der ukrainer sausen auf die Arebitskommandos. Zwei Dutzend Zahnärzte öffnen mit Haken den Mund und sehen nach Gold. Gold links, ohne Gold rechts. Andere Zahnärzte brechen mit Zangen und Hämmern die Goldzähne und Kronen aus den Kiefern.-
Unter allen springt der Hauptmann Wirth herum. Er ist in seinem Element.- Einige Arbeiter kontrollieren Genitalien und After nach Gold, Brillanten und Wertsachen. Wirth ruft mich heran: Heben sie mal diese Konservenbüchse mit Goldzähnen, das ist nur von gestern und vorgestern ! In einer unglaublich gewöhnlichen Sprechweise sagt er zu mir: Sie glauben gar nicht, was wir jeden Tag finden an Gold und Brillanten . Er sprach es mit zwei L- und Dollar. Aber schauen sie selbst ! Und nun führt er mich zu einem Juwelier, der all diese Schätze zu verwalten hatte, und ließ mich das alles sehen. Man zeigte mir dann noch einen früheren Chef des Kaufhaus des Westens in Berlin und einen Geiger: Das ist ein Hauptmann von der alten Kaiserlicösterreichischen Armee, Ritter des Eisernen Kreuzes I.Klasse, der jetzt Lagerältester beim jüdischen Arbeitskommando ist ! - Die nackten Leichen wurden auf Holztragen nur wenige Meter weit in Gruben von 100 mal 20 mal 12 Meter geschleppt. Nach einigen tagen gärten die Leichen hoch und fielen alsdann kurze Zeit später stark zusammen, sodaß man eine neue Schicht daraufwerfen konnte. Dann wurde zehn Zentimeter Sand darüber gestreut, so daß nur noch vereinzelte Köpfe und Arme herausragten. - Ich sah an einer solchen Stelle Juden in den Gräbern auf den Leichen herumklettern und arbeiten. Man sagte mir, daß versehentlich tot Angekommene eines Transportes nicht entkleidet worden seien. Dies müsse natürlich wegen der Spinnstoffe und Wertsachen, die sie sonst mit ins Grab nähmen, nachgeholt werden.- Weder in Belcec noch in Treblinka hat man sich irgendeine Mühe gegeben, die Getöteten zu registrieren oder zu zählen. Die Zahlen waren nur Schätzungen nach dem Waggoninhalt ... - Der Hauptmann Wirth bat mich, in Berlin keine Änderungen seiner Anlage vorzuschlagen und alles so zu lassen, wie es wäre und sich bestens eingespielt und bewährt habe.....
Alle meine Angaben sind wörtlich war. Ich bin mir der außerordentlichen Tragweite dieser meiner Aufzeichnungen vor Gott und der gesamten Menschheit voll bewußt und nehme es auf meinen Eid, daß nichts von allem, was ich registriert habe, erdichtet oder erfunden ist, sondern alles sich genauso verhält......

Quelle:Der Nationalsozialismus , Dokumente 1933 - 1945 /Fischer Verlag
Gerstein, Kurt geb. 1905, Diplomingineur, SS-Obersturmfüherer, ab 1942 Leiter der Abteilung für Desinfektionsgase des SS-Gesundheits- amtes, Juli 1945 Selbstmord (?).



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